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Wallfahrt
nach Schottland
Wenn
es einen Himmel auf Erden gibt –
für Golfer liegt er in Schottland:
Dort, wo Golf begann, gibt es noch
immer die besten Plätze. Wir
pilgern nach St. Andrews
Natürlich gehen wir jeden Sonntag
in unsere kleine Kirche. Sie ist
nicht alt, aber als man sie baute,
haben sich Architekten und Handwerker
große Mühe gegeben. Niemand
wurde hier heilig gesprochen; Gebote
werden befolgt, aber nicht aufgestellt.
Wir fühlen uns gut, wenn
wir hingehen, darin und danach.
Aber die spirituelle Berührung,
seien wir ehrlich, die fehlt ein
bisschen. Betreten wir dagegen den
Petersdom, wogt die Seele. So wie
vielen Katholiken hierzulande geht
es auch den Golfern: Sie spielen
auf den heimischen Wiesen, die oft
ordentlich sind, aber nicht großartig.
Mit Hingabe angelegt, aber selten
mit genius loci. Zum Beten reicht
es. Aber nicht für Erleuchtung.
Auch Golf ist eine Religion, und
wie alle anderen hat sie ein Zentrum.
So wie Mekka für Muslime oder
die Abbey Road für Beatles-Fans.
Ihr Nabel heißt St. Andrews.
Eine Reise dorthin ist immer eine
Wallfahrt, die jeder Golfer einmal
im Leben gemacht haben sollte
Starten
wir am Loch Lomond. Ein See im Nordwesten
von Glasgow, der größte
Süßwassersee im Vereinigten
Königreich. Sagenhaft schön.
Aber erzählen Sie einem Golfer
von Loch Lomond und er wird das
Naturwunder reduzieren auf ein paar
Hektar am Ostufer. Ein paar Hektar,
bedachtsam hergerichtet vom US-Stararchitekten
Tom Weiskopf und liebevoll gepflegt
für das schönste Spiel
der Welt. Das hier nur ein paar
wenige Clubmitglieder spielen dürfen.
Und selbst die bitte nicht so oft.
Um den Platz zu schonen, verlangen
die Statuten des Loch Lomond Golf
Club, dass die Mitglieder Mitglied
in einem anderen Club sein müssen,
wo sie bevorzugt ihrem Hobby nachgehen
sollten. Natürlich dürfen
sie nach
Loch Lomond kommen, wann immer sie
wollen. Aber eben nicht so oft.
Erzählen
Sie Ihrem Golffreund also, dass
Sie dort spielen möchten, und
er wird Sie fragen, wie Sie das
machen wollen. Eine sehr berechtigte
Frage. Er ahnt ja, dass Sie keine
Tourkarte besitzen, die Sie mit
einem der Top-Turniere dieses Sports
nach Loch Lomond brächte.
Ihre einzige Chance also ist, von
einem der Mitglieder eingeladen
zu werden. An dessen
Seite erleben Sie einen Parkland-Kurs
von geradezu erdrückender Perfektion.
Der dreimalige Masters-Champion
Nick Faldo hält ihn schlicht
für den besten auf den Britischen
Inseln.
Und in einschlägigen Rankings
landet er immer wieder unter den
Top 50 weltweit.
Ab
diesem Sommer aber bekommt der Ausnahmeplatz
Konkurrenz. Gleich nebenan, am Südwestufer
des Loch Lomond, baut der kanadische
Designer Doug Carrick 18 Bahnen.
„Bauen“ ist vielleicht
etwas prosaisch. Der Platz wird
eher um den See und seine Lagunen
herumdekoriert, seine Löcher
hineingelegt in einen Park von erlesener
Schönheit – eine Anlage
von amerikanischer, geradezu „hollywoodesker“
Grandezza. Darin wird The Carrick,
wie
der Platz etwas unbescheiden nach
seinem Schöpfer heißen
wird, der Schöpfung von Tom
Weiskopf gleichen: eine von der
Natur gesegnete Anlage, die gleichwohl
manikürt wirkt, definitiv unwild
und eben sehr, sehr exklusiv. Mit
anderen Worten, ein perfektes Bild
dessen, was Golf geworden ist in
all den Jahren.
Auf jeden Fall ein großer
Schritt weg vom Ursprung. Weg von
dem Territorium, auf dem vor hunderten
von Jahren die Menschen begannen,
dieses herrliche Spiel zu erfinden.
Einfache Menschen wohl, die ihr
trübes Treiben mit etwas Müßiggang
aufzuhellen gedachten.
Zwischenfrage:
Sollten wir deshalb, weil Golf zu
Anfang – und in Schottland
bis heute – auch Sache der
Arbeiterklasse war, in einfachen
Pilgerherbergen schlafen? Ach was,
es geht ja hier überall auch
gediegen, superkomfortabel, mit
sagenhaftem Service und unsagbar
teuer.
Erstes Beispiel: das Westin Turnberry,
fotogen an der schottischen Südwestküste
45 Minuten von Glasgow gelegen und
ausgestattet mit einem Postkartenblick
auf den Ailsa Craig, eine Inselkuppe
im Meer, perfekt wie ein Jungmädchenbusen.
Der ehemalige Verbannungsort für
verfehlte Mönche lieh seinen
Namen auch dem Championship Course
des Resorts, der verlässlich
unter den Top 20 der Welt gehandelt
wird.
Zweites Beispiel: Gleneagles, Zwischenstation
auf dem Weg an die Ostküste,
ein verdammtes Paradies der Freizeit.
Doch wir wählen das palastartige
5-Sterne-Anwesen an den südlichen
Ausläufern der Highlands, seit
Menschengedenken Ausflugsziel der
britischen Aristokratie, nicht wegen
der glänzenden Angebote für
Reiter, Falkner, Schützen,
Offroad-Piloten oder Fischer.
Wir besuchen Gleneagles wegen seiner
vier Plätze.
Zwei
davon, vor bald 100 Jahren vom fünfmaligen
British-Open-Sieger James Braid
angelegt, hüpfen als King’s
und Queen’s Course über
torfigen Boden. Ein dritter, The
PGA Centenary, neueren Datums und
dem genialen Schöpfergeist
eines Jack Nicklaus entsprungen,
wird 2014 Gastgeber des bedeutendsten
Ereignisses im internationalen Golfsport
sein, des Ryder Cup. Der „Golden
Bear“ nannte das Stück
Land einmal „das schönste
weltweit, mit dem ich jemals arbeiten
durfte“.
Man
möchte ewig bleiben. Und doch:
Sind wir wegen dieser Art Weltklassegolf
nach Schottland gereist? Nein, es
drängt uns an die Küste.
Hin zu einem Platz, der an Geschichte
bereits mehr aufbietet als wir unser
ganzes Leben erleben durften. Auf
nach Muirfield, Heimat der Honourable
Company of Edinburgh Golfers, des
ältesten Golfclubs der Welt.
Auf zur Königsdisziplin dieses
Sports: Golf direkt an der Küste,
mitten in den Dünen, wo sich
die Stimmungen des Meeres –
ungefiltert durch Bäume oder
Sträucher – ins Spiel
einmischen,
wo das Rough dicht ist und der Ginster
so struppig, dass er verschossene
Bälle nur in Ausnahmefällen
freigibt. Linksgolf! Das ist vor
allem: ein Spiel mit und in der
Natur. Die ist hier eindrucksvoll.
Aber nicht lieblich. Sondern rau
und mächtig und schön.
Manch einer kommt zurück aus
dem Gelobten Land des Golfsports
und schwärmt, er sei eins gewesen
mit den Elementen. Was für
ein Quatsch.
Die
Elemente spielen mit uns. Unberechenbar.
Und geradezu atemlos. Manchmal peitscht
der Regen, als wolle er die Haut
perforieren. Dann wieder schießt
die Sonne so laserartig grell zwischen
den schwarzen Wolken hervor, dass
sich das Fairway vor uns mit all
seinen Wellen und Pottbunkern in
strahlendes Licht auflöst.
Es gibt Böen, die einen buchstäblich
abheben lassen. Und natürlich
mit der kleinen weißen Kugel
anstellen, was sie wollen. Der Landungsort
eines Luftballons, ausgesetzt bei
Windstärke 12 irgendwo mitten
im Atlantischen Ozean, ließe
sich leichter berechnen. Linksgolf
ist niemals eine alltägliche
Erfahrung. Sondern ein Erlebnis,
mit dem der Golfer zurückgeworfen
wird auf die Ursprünge allen
Seins, auf die Schöpfung.
Ist Golf in Schottland also unter
anderem auch deshalb so großartig,
weil der Golfer hier die Macht Gottes
spürt?
Besonders
in Carnoustie. Hier ist sie besonders
unbarmherzig. Der Championship-Kurs,
gleichsam der zerklüfteten
Küste abgetrotzt, lässt
einem schon beim bloßen Anblick
das Blut in den Adern gefrieren.
Fegt aber der Wind über den
Platz, wird die Runde zum Nerven
zerrenden Glaubenstest. Die besten
Spieler sind an Carnoustie verzweifelt.
Unvergessen der Einbruch des Franzosen
Jean van de Velde, der bei den British
Open 1999 an der 18 in Carnoustie
seinen scheinbaren sicheren Drei-Schläge-Vorsprung
mit einem wahnsinnigen Triple-Bogey
versiebte. Dass dann der Schotte
Paul Lawrie nur mit sechs Schlägen
über Par gewinnen konnte, bestätigt
Carnousties Ruf als härtester
Linkskurs der Welt.
Eingenordet
und zurechtgestutzt trotten wir
dann endlich ins eigentliche Heilige
Land des Golf, das Königreich
von Fife. Das ist klein. Von West
nach Ost, wo es mit wilder Küste
auf den tosenden Atlantik trifft,
misst es gerade mal 70 Kilometer.
Die nordsüdliche Ausdehnung,
eingezwängt zwischen Firth
of Tay und Firth of Forth (Lispler
sind in dieser Bucht eindeutig
im Vorteil), ist noch geringer.
Klein ist das Reich und doch eine
riesige Schatzkammer.
Voll mit smaragdfarbenen Edelsteinen,
die am schönsten rund um das
traditionsreiche Universitätsstädtchen
St. Andrews funkeln, und einem Kronjuwel:
dem Old Course.
Schon
Mitte des 16. Jahrhunderts gestattete
der Stadtrat seinen Bürgern,
den Küstenstreifen für
„golfe, futeball, shuting
and all games“ zu nutzen.
Seitdem weht hier, neben heftigem
Wind und vernichtenden Stürmen,
auch der Atem der Geschichte. Selbst
wenn die betreffenden Bahnen erst
in jüngster Zeit angelegt wurden.
Kingsbarns etwa ist laut Datenblatt
ein – allerdings dramatisch
schönes – richtiges Baby.
Gerade eben, im Jahr 2000, geboren.
Doch die Chronisten vermelden schon
1793 von Schotten geschossene Bälle
in denselben Dünen, über
die sich jetzt der Platz und gut
zahlende Golfer winden. Ähnliches
darf für die ebenfalls jungen
Plätze des südöstlich
der Stadt auftrumpfenden Fairmont
Hotels angenommen werden. Intuitiv
ehrfürchtig jedenfalls gestaltet
sich die Runde auf dem erst 2001
fertig gestellten Torrance Course.
Und weiche Knie bekommen wir erst
recht auf den einschüchternd
engen Fairways des New Course. Das
muss man sich einmal vor-stellen:
Da haben die Schotten einen Platz
„neu“ genannt, den sie
1895 anbahnten. Zu einer Zeit, als
es in unseren Breitengraden bestenfalls
überhaupt erst 18 Fairways
gab. Zu einer Zeit aber eben auch,
da auf dem Gelände des old
Course bereits über zwei Jahrhunderte
Golf gespielt wurde.
Der old Course ist so einzigartig,
so legendenumwoben, so umweht von
Bedeutung, Aura und Anspruch, dass
sich nur völlig Ahnungslose
oder mutwillige Ketzer die Frage
stellen, wie gut dieser Platz eigentlich
ist. Klar, der Platz ist toll. Heilig.
Die Kathedrale des Golf. Nicht allein
deshalb, weil in seinem mausoleumsartigen
Clubhaus die Männer des Royal
& Ancient Golf Club of St. Andrews
über die Regeln wachen, die
ihre Vorgänger vor Urzeiten
aufgestellt haben. Etwa die, dass
eine Golfrunde über 18 Löcher
geht. 1764 haben sie das fest-gelegt.
Und nun möchten wir auf diesen
18 Löchern bestehen. Unser
allerbestes Golf abliefern.
Auf einem Platz, von dem der ehemalige
Ryder-Cup-Kapitän Mark James
meinte, der erste Fehler, den man
hier mache, sei der, überhaupt
aufzutauchen. Wie gesagt: Die unberechenbare
Wetterlage – und die Aufregung!
– rückt ein klägliches
Scheitern jederzeit in den Bereich
der Möglichkeiten. Selbst wenn
das vorausgesetzte Handicap von
24 eigentlich nahe legt, dass man
das Spiel in seinen Grundzügen
beherrscht. Zu beachten auch: Wer
hier abschlägt, wird beobachtet.
Zwar nicht von Zuschauermassen wie
bei einem der ganz großen
Turniere. Aber ein paar Gaffer sind
immer da. Und die sind kenntnisreich.
Denn rein rechtlich ist der old
Course ein öffentlicher Park.
Der vor allem von Einwonern von
St. Andrews frequentiert wird. Die
allesamt sozusagen mit dem Golfball
in der Tasche geboren werden. Alles
in allem: Wir schlagen uns ordentlich.
Haben den ein oder anderen Bunker
getroffen. Nur einer Handvoll Bällen
Lebewohl gesagt. Einen dem Swilkan
Burn überantwortet.
Und uns bei tief stehender Sonne
fürs Erinnerungsfoto auf die
Swil-kan Bridge gesetzt.
Das Herz hat gepocht. Die Seele
war glücklich. Ist St. Andrews’
old Course also der schönste
Platz der Welt? Eher nicht. Aber
ist St. Peter etwa ....
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